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Die Auswirkungen des Brexit auf die IT - haben Sie schon Notfallpläne?

Oliver Nickels

Bei unserer Arbeit an verschiedenen Provider Lenses für Europa und die UK taucht immer stärker auch das Thema Brexit auf. Ganz besonders fiel es uns beim Thema Next-Gen ADM auf, da der Brexit sich stark auf die Bereiche Anwendungsentwicklung und Testing auswirken wird. Deswegen wollen wir den Brexit an dieser Stelle beleuchten, denn es betrifft ja nicht nur britische Unternehmen, sondern alle, die mit Großbritannien in irgendeiner Form unternehmerisch tätig sind.

Der Stand der Dinge: derzeit herrscht völlige Unklarheit. EU und UK steuern auf einen ungeregelten Brexit zu. Während die britische Premierministerin Theresa May versucht, die unterschiedlichen (zum Teil Hardliner-) Fraktionen ihrer Regierung zu kontrollieren und einen für die UK möglichst positiven Ausgang zu ermöglichen, bleibt die EU bei ihrer Linie, wenige bis keine Zugeständnisse zu machen, um anderen Ländern und Regionen kein Vorbild für ein Verlassen der EU zu geben. Es gibt zur Zeit drei Szenarien: eine Einigung in den nächsten Monaten ist wegen der innenpolitischen Situation in Großbritannien derzeit jedoch eher unwahrscheinlich; ein neues Referendum und somit die mögliche Absage des Brexit ebenso; die momentan wahrscheinlichste Option ist daher ein weitestgehend ungeregelter Ausstieg Großbritanniens aus der EU zum 29.März 2019.

„The international trade secretary, Liam Fox, said over the weekend there was now a “60-40” chance of the UK crashing out of the European Union without a withdrawal agreement due to the “intransigence of the EU”.“ (Zitat, The Independent, 8. August 2018)

Die wenigsten Unternehmen haben bis dato Notfallpläne erarbeitet, die eine solche Entwicklung vorsehen. Dabei wäre es - gerade in der IT - sehr wichtig, sich frühzeitig mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen und die Effekte und Veränderungsanforderungen an die heutigen Anwendungssysteme zu ermitteln. Veränderungen der Anwendungslandschaft können sehr aufwändig sein, denn es sind zum Teil ganze Prozesslinien betroffen. Auch sind Netzwerkeffekte zu beachten, die einerseits die Geschäftsprozesse der Fachbereiche beeinträchtigen, andererseits auch die Prozesse der IT in Frage stellen können. Es ist zum Beispiel nicht ausgeschlossen, dass sich das englische Recht in Bereichen kurzfristig radikal verändern wird, da nach dem Brexit der europäische Rechtsrahmen wegbricht.

Betroffene Bereiche sind nicht nur solche des reinen Warenaustauschs, auf die zusätzliche Zollverfahren und -prozesse zukommen. Just-in-Time bzw. Just-in-Sequence-Fertigungsprozesse müssten schlagartig Zollkontrollen und ggf. Genehmigungsverfahren für einzelne Halbzeuge integrieren, deren zeitliche Komponente - gerade in den ersten Monaten - kaum vorhersagbar wären.

Ein Beispiel aus dem Pharma-Sektor: Ähnlich wie Teile für die Autoindustrie überschreiten auch Vorprodukte für die Pharmaindustrie mehrmals EU-Grenzen, bevor aus ihnen ein fertiges Medikament wird. Anders als Kfz-Teile müssen einige Vorprodukte oder fertige Medikamente beim Transport stetig gekühlt werden. Dies erfordert eine veränderte Logistikkette, da es gerade in den ersten Monaten in der Zollabfertigung zu ungeplanten Verzögerungen kommen kann.

Diese Auswirkungen können durch umfangreiche Supply-Chain-Audits, strenges Enterprise Resource Management und längerfristige Prognosen bewertet und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Die Einführung geeigneter organisatorischer Prozesse oder Steuerregelungen kann auch dazu beitragen, Störungen zu minimieren oder den gesamten Fertigungsprozess zu optimieren. Im Extremfall muss die Fertigungskette schlicht am Leben gehalten werden. Die Anforderungen an IT und das Change Management dürfen auch nicht zu hoch gesetzt werden, denn für alle diese Aufgaben bleiben kaum mehr als sechs Monate Zeit.

Die IT selbst wird zuerst das Thema der Datenhaltung betrachten müssen. Es ist derzeit davon auszugehen, dass Großbritannien sich weiterhin auf die EU-Datenschutzverordnung einstellt, da britische Unternehmen in Zukunft auch mit Daten von EU-Bürgern arbeiten müssen. Sicher ist dies aber nicht. Ähnlich verhält es sich bei Fragestellungen im digitalen Handel und bei der Verwaltung gemischter Daten von EU- und Nicht-EU-Bürgern. Im Zeitalter von Hybrid-Cloud-Umgebungen, die dem ganzen Umfeld eine zusätzliche Komplexität verleihen, keine ganz einfache Aufgabe. Auch hier sind klare Audits und Notfallpläne Pflicht. Eine Hängepartie wie mit den USA über Gültigkeit und Nachfolgeregelung des Safe-Harbor-Abkommens wäre im Falle des Brexit auch mit Großbritannien zu erwarten, von daher stellt sich immer wieder die Frage nach der Lokation der physischen Datenhaltung.

Für Hightech-Unternehmen in anderen europäischen Staaten ist Großbritannien oft kein erfolgsentscheidender Markt, daher bereitet ihnen die mögliche Loslösung Großbritanniens aus der EU weniger Sorgen. Doch immerhin rechnet auch hier ein gutes Drittel mit negativen Folgen für das eigene Geschäft bzw. für die Forschungsleistung. Laut Bitkom ist Großbritannien nach Frankreich das zweitwichtigste Exportland für Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK), bezieht insgesamt aber „nur“ acht Prozent der deutschen Exporte. Großbritannien ist zudem der traditionelle Brückenkopf der indischen IT-Branche nach Europa. Daher macht sich auch die indische IT-Branche bereits Gedanken zum Brexit. Die indische National Association of Software and Services Companies sieht kurzfristige Nachteile, ist sich langfristig aber nicht sicher, ob ein Brexit nicht doch auch zu intensiveren britisch-indischen Wirtschaftsbeziehungen führen könnte.

Fazit: Es bleibt unklar, worauf die EU und UK und somit die betroffenen Unternehmen zusteuern. Es ist jetzt dringend an der Zeit, die relevanten Audits und Veränderungsmanagementprozesse zu starten und Notfallpläne zu entwickeln - selbst wenn die Rahmenbedingungen immer noch unklar sind. Mit größerer Klarheit ist auch in den kommenden Monaten kaum zu rechnen, stattdessen muss wohl mittlerweile der Extremfall angenommen werden.

ISG Information Services Group und Experton Group vollenden Integration

Nach der im März 2016 erfolgten Akquisition vollenden ISG Information Services Group und die Experton Group nun ihre Verschmelzung zum 1. August 2017. An diesem Tag vollzieht das Unternehmen die komplette rechtliche Integration. Damit tritt die Experton Group ab sofort vollständig unter dem Namen von ISG auf. Die ehemaligen Experton Vendor Benchmarks wurden bereits im März 2017 in „ISG Provider Lens“ umbenannt und informieren auch in Zukunft Unternehmen, Serviceanbieter sowie andere Interessenten in gewohnter Weise und gewohntem Umfang über Marktentwicklungen in Deutschland und der Schweiz.

Das bisherige Team und Portfolio der Experton Group gehen als DACH-Einheit in die weltweite Service Line „Research“ von ISG über. Entsprechend übernimmt Jürgen Brettel als bisheriger Vorstandsvorsitzender der Experton Group AG nun als neuer Partner ISG Research die Leitung der ISG-Service Lines „Research“ sowie „Provider Services“ in der Region DACH. Die Integration des ehemaligen Experton-Group-Teams und -Portfolios erfolgte bereits in den vergangenen Monaten und wird mit der legalen Integration von ISG und Experton Group nun abgeschlossen [weitere Infos hier].