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Big Data im Gesundheitswesen: An alles gedacht – wirklich alles?

Holm Landrock

Big Data spielt vor allem im Gesundheitswesen eine Rolle. Kaum in einem anderen Bereich fallen so viele Daten an, die einzelne Menschen betreffen, wie durch diagnostische Systeme, bildgebende Systeme und in den Laboren. Big-Data-Technologien unterstützen neue Verfahren wie die privatwirtschaftlichen Initiativen in Sachen elektronische Gesundheitsakte.

In das Dauerthema elektronische Gesundheitsakte/Patientenakte/Gesundheitskarte ist Bewegung gekommen. Im Februar 2018 stellte die Techniker Krankenkasse (TK) auf dem Bitkom Summit Big Data ihren eigenen Lösungsansatz vor – und die Verfahren sollen bald veröffentlicht werden. Inzwischen hat der Technologiepartner IBM mit der DKV, Generali, Signal Iduna und auch der AOK Baden-Württemberg weitere Kostenträger mit einer eigenen elektronische Gesundheitsakte (nun also eGA) vorgestellt. Man hat wohl auch an alles gedacht: an die Datenhoheit des Patienten, an die Absicherung gegen Unbefugte, an die Sicherung der Daten gegen Verluste, an die DSGVO... hat man wirklich an alles gedacht?

Wichtig wäre z.B. auch die Frage nach den technischen Aufgaben für die IT-Leiter der Krankenhäuser, der radiologischen Praxen und der niedergelassenen Ärzte. Eine Cloudlösung für das Backend und ein im Rahmen des Machbaren sicherer Zugang per Mobile App oder PC sind ja nur ein kleiner Teil der technischen Implementierung.

Wem nützt es?

Von den Potenzialen ist die Rede und von der Standardisierung, vom Mehrwert für die Versicherten und von der Kompatibilität der Daten im Falle eines Versicherungswechsels. Bislang noch aber unklar ist, welche Daten wie in das System gelangen und vor allem, wie denn die elektronische Gesundheitsakte dem Leistungserbringer hilft. Sichtbar ist jetzt schon, dass vor allem die Kostenträger davon profitieren könnten. Ein wichtiges Motiv könnte sein, das Feld nicht den internationalen IT-Riesen wie Apple, Google oder womöglich Facebook zu überlassen. Diese interessieren sich auch für Gesundheitsthemen und bieten dafür Apps und Gadgets an. Allerdings bei weitem nicht so transparent wie letztendlich die Mitspieler des deutschen Gesundheitswesen, die immerhin einer Kontrolle und der DSGVO unterliegen.

Vorgesehen ist, dass Daten aus Krankenhausaufenthalten direkt vom Leistungserbringer in die eGA der Krankenversicherung bzw. Krankenkasse fließen. Das Krankenhausinformationssystem (KIS) muss dazu mit einer entsprechenden Schnittstelle versehen werden. Laut TK können dies zur Zeit aber nur die Kliniken der Agaplesion-Gruppe. Das KIS kann – sofern mit der entsprechenden Schnittstelle ausgestattet – die gewünschten Dokumente auf Wunsch direkt in die eGA der Versicherten übertragen. Entwickelt wurde außerdem eine IHE- (Integrating-the-Healthcare-Enterprise-) Schnittstelle, die als eGA-Bridge-Appliance in die Systemlandschaft des Krankenhauses integriert und mit den relevanten Daten aus der Systemumgebung des Krankenhauses versorgt wird. Je nach Systemlandschaft des Krankenhauses können Anpassungen erforderlich sein, die die Krankenhaus-IT selbst, der Dienstleister oder der KIS-Anbieter erarbeiten müssen.

Steigende IT-Anforderungen

Was die Inhalte betrifft, wird ebenfalls noch entwickelt. Die Anbindung (Stichwort Datendurchsatz) könnte der Idee noch Steine in den Weg werfen. Nehmen wir neben den textlichen Dokumenten hier eine Tabelle mit Laborwerten und einige radiologische Daten an, so dürfte das Datenvolumen für einen Patienten leicht zwischen einigen hundert Megabyte und einigen Gigabyte (zum Beispiel bei MRT-Daten) betragen. Nehmen wir pro Tag 50 Patientenentlassungen an, und fallen pro Patient nur fünf Gigabyte an MRT-Daten, Befunden, Aufklärungsbögen und Arztbriefen an, ergäbe das ein Volumen von 250 Gigabyte, die pro Tag übertragen werden müssten. Anhand der gängigen Uploadgeschwindigkeiten kann jeder selbst ausrechnen, wie viele Stunden die Datenspeicherung dauert. Vorausgesetzt, die Datenleitung und das sendende System sind nicht mit anderem beschäftigt und auch sonst dämpft nichts die Performance der IT. Die eGA-Protagonisten sehen das unkritisch, denn derzeit würden ja nur PDF-Dokumente mit wenigen Kilobyte oder Megabyte ausgetauscht. Komplexere Datenübertragungen wie zum Beispiel für Ultraschall- und Röntgenbilder würden erst demnächst umgesetzt.

Doppelt geschützt – aber auch fälschungssicher?

Neben den Schnittstellen zwischen KIS und eGA, dem Datendurchsatz und der Datensicherheit wirft der Komplex der Datenintegrität also weitere Fragen auf. Sofern zum Beispiel seitens des Patienten – dahin geht ja die Vision – nicht zertifizierte Mobiltelefone oder Computer für die Übertragung verwendet werden, könnten hier kompromittierte Geräte Ärger verursachen. Problematisch ist die Verlagerung eines Teils der Verantwortung auf die Mediziner. Solange die Daten sicher aus einem KIS in die Cloud übertragen werden, kann das als sicher betrachtet werden. Eine Manipulation einzelner dieser Daten ist nach Überzeugung der beteiligten Unternehmen nicht möglich. Dokumente und Daten, die ein Versicherter selbst in die Akte lädt, müssen unter Umständen als nicht vertrauenswürdig erachtet werden. Die eGA-Protagonisten erwarten hier, dass der behandelnde Arzt in seiner Beurteilung die vom Versicherten bereitgestellten Unterlagen gewichtet und überprüft. Wie sieht es aus, wenn die Daten vom Patienten selbst übertragen werden? Von einer Dateninfektion einmal abgesehen (eine Anti-Malware-Funktion, die den Upload prüft, dürfte als vorausgesetzt gelten), ist noch ungeklärt, wie die Integrität der Daten gewahrt wird. Es muss nicht gleich kriminelle Energie unterstellt werden, um zu fehlerhaften Daten zu gelangen. Müssen sich die Krankenhäuser hier um eine Datenverifikation kümmern?

Sofern Daten aus einem KIS, Röntgen-/Radiologiesystem oder einem Praxissystem direkt in die eGA-Cloud des Patienten übertragen werden, bleibt die Problematik klein. Den Verlautbarungen der Protagonisten einer privatwirtschaftlichen eGA zufolge müssen die Versicherten die Datenhoheit über ihre persönlichen Gesundheitsinformationen besitzen, um selbst bestimmen zu können, wann sie wem Zugriff darauf gewähren. Damit diese digitale Vernetzung aller Akteure im Gesundheitswesen gelinge, wären die bestehenden und künftigen technischen Lösungen sinnvoll zusammenzuführen.

Die „staatliche“ Variante

Auf der anderen Seite haben wir die elektronische Patientenakte (ePA) sowie das elektronische Patientenfach (ePF), die als Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) innerhalb der Telematikinfrastruktur laufen werden. Jeder Industriepartner, der nach von der (von Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens gegründeten) Gesellschaft gematik entwickelten Vorgaben ein ePA-/ePF-Aktensystem entwickeln und betreiben möchte, kann hierzu nach Veröffentlichung der Zulassungsverfahren einen Antrag auf Zulassung bei der gematik stellen. Hält er die durch die gematik erhobenen Anforderungen ein, wird die Zulassung erteilt und er darf seine Lösung betreiben und anbieten. Die gematik rechnet damit, dass sich zu Beginn des Jahres 2019 ein Markt für elektronische Patientenakten mit mehreren zertifizierten Anbietern etablieren wird. Die Vorgaben der gematik sichern ihrerseits Interoperabilität und Kompatibilität. Die Gesundheitsakten außerhalb der Telematikinfrastruktur gehören allerdings nicht zum Regelungsbereich der gematik.

Das Bundesgesundheitsministerium begrüßt den Einsatz privatrechtlicher Initiativen, die Digitalisierung des Gesundheitswesens und die damit verbundene bessere Verfügbarkeit medizinischer Daten in der Gesundheitsversorgung durch eigene elektronische Gesundheits- bzw. Patientenaktenprojekte voranzubringen. Das Bundesgesundheitsministerium verweist dabei im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung auf die Telematikinfrastruktur der gematik. Wichtig sei dabei, dass die elektronischen Patientenakten bundesweit sektorenübergreifend bei allen Leistungserbringern und unabhängig von der Mitgliedschaft in einer bestimmten Krankenkasse genutzt werden können. Die Projekte privatrechtlicher Initiativen und einzelner Krankenkassen könnten hierzu wichtige Impulse liefern. Der Aufwand für die Anbindung an Gesundheitsakten und den Betrieb solcher Lösungen außerhalb der gematik-Landschaft müssen, so das Bundesgesundheitsministerium, Krankenhäuser und andere Leistungserbringer selbst prüfen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Management & Krankenhaus, Heft 7-8/2018 (hier der Link zu der entsprechenden Website), den wir hier mit freundlicher Genehmigung leicht bearbeitet wiedergeben.