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Big Data lebt!

Holm Landrock

Holm LandrockBottom Line (ICT-Anwenderunternehmen):

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass der Begriff Big Data in den Marketingfolien der IT-Anbieter selten geworden ist? Heißt das, dass Big Data das Plateau der Produktivität erreicht hat? Keineswegs. Gegenwärtig macht sich eine gewisse Desillusionierung breit, doch wird das Tal nicht so tief wie bei anderen Technologien. Sie sollten also weiter Daten sammeln. Sie sollten weiter an der Verarbeitung dieser Daten zu Informationen arbeiten, die nicht unbedingt dem ursprünglichen Verwendungszeck folgen. Sie sollten damit überlegen, wie Sie die Informationen zu Geld machen können.

Bottom Line (ICT-Anbieterunternehmen):

Wie bei jedem Hype-Thema wird es auch bei Big Data eine Phase der Desillusionierung geben, die aber nicht so tiefgreifend sein wird wie bei vielen anderen Themen. Die Advisors der Experton Group (heute ISG) haben das bereits vor geraumer Zeit damit begründet, dass Big Data im Grunde eine Erweiterung grundsätzlich bekannter und bewährter Technologien und Fachverfahren ist. Die jetzige Flaute ist allenfalls den überzogenen Erwartungen zuzuschreiben.

Wollen wir doch einmal eine Lanze für das Thema Big Data brechen. Manche neue Hype-Themen haben den Begriff „Big Data“ ins Abseits gedrängt, nicht zuletzt durch das konstant unrichtige Beharren einiger Datenschützer auf der Gleichsetzung von Big Data und Big Brother in der Publikums- und Wirtschaftspresse. Noch mehr hat aber die inflationäre Verwendung des Begriffs im Marketing zur Abwertung des Begriffs beigetragen. Als das Thema noch neu war, etwa 2011/2012, haben wir das Jahr 2025 als den Zeitpunkt prognostiziert, zu dem die allgemeine, produktive Nutzung von Big-Data-Analysen erreicht sein wird. Vielleicht wird es etwas schneller gehen.

Ein kleiner Exkurs, der nur einen Hinweis auf die Chancen geben soll, die wir noch haben, sei an dieser Stelle gestattet: Insbesondere Deutschland kann eine Informationsgesellschaft werden, wenn die Voraussetzungen von der Politik geschaffen werden. Zu einer Informationsgesellschaft gehört es auch, die Informationen so vielseitig wie möglich zu nutzen. Im ICT-Newsletter haben wir immer wieder Beispiele vorgestellt. Deutschland ist immer noch ein Land der Tüftler. Nur wird das Tüfteln eben schwierig, wenn zum Beispiel die Netzabdeckung immer noch weiße Flecken hat. Gut, uns werden immer wieder Musterländer wie Finnland oder Estland vorgehalten, aber es ist nun einmal einfacher, in Finnland 5,5 Millionen Menschen (das sind weniger als gerade mal die Einwohner von Berlin, München und Frankfurt zusammen) oder in Estland 1,3 Millionen Menschen (das ist etwa ein Drittel der Einwohnerzahl Berlins) mit Mobiltelefonen oder Glasfaseranschlüssen auszustatten. Warum sollte Deutschland also nicht auch ein Land der Big-Data-Tüftler werden? Eine Voraussetzung ist aber auch die staatliche Unterstützung von entsprechenden Vorhaben – und sei es nur in Form einer unbürokratischen Genehmigung von privatwirtschaftlichen Vorhaben oder mit besserer Breitbandversorgung. Wenn Deutschland eine Informationsgesellschaft werden möchte, müssen wir neben diesen Punkten eben auch die Big-Data-Analysen und ihre Chancen im Auge behalten. Deswegen ist es legitim (auch bei einem abebbenden Hype) an den Projekten für die Analyse großer Datenmengen festzuhalten, sich von ersten Enttäuschungen nicht zurückwerfen zu lassen.

Die Investitionen in Big-Data-Technologien sind nicht verloren. Die Speicherung großer Mengen unstrukturierter Daten und strukturierter Daten für spätere Auswertungen ist weiterhin wichtig. Inzwischen gibt es erste Erfahrungen, und es lohnt sich, erneut darüber nachzudenken, wie diese Daten zu Informationen werden und wie diese Informationen bestehende Geschäftsprozesse verändern und neue Geschäftsprozesse auftun können. Selbstverständlich spielen weitere technische Entwicklungen mit: ganz aktuell sind es Verfahren aus dem Bereich Künstliche Intelligenz. Auch die IT selbst kann von Big-Data-Analysen profitieren – Robotic Process Automation ist hier ein Stichwort. Durch die Erkenntnisse aus den Prozess- und Performance-Daten vieler früherer Jahre können Unternehmens- und insbesondere IT-Prozesse automatisiert werden. Ohne Big Data undenkbar. Befinden wir uns also beim Thema Big Data im Tal der Desillusionierung oder schon auf dem Plateau der Produktivität? Was ist Ihre Meinung?