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Mobile Enterprise im öffentlichen Dienst – die Parksünder-App kommt spät

Dr. Henning Dransfeld

Dr. Henning DransfeldIn dieser Woche ging ein prominentes Beispiel für einen digitalisierten Prozess im öffentlichen Sektor durch die Presse. Und zwar von der Erfassung über mobile Endgeräte bis zur Bearbeitung in der Administration. Das Bundesland Hessen stellt den Kommunen ab sofort eine mobile App zur Verfügung, mit der Falschparker digital erfasst werden können. Tickets werden automatisiert generiert, nur das Anschreiben wird noch als Brief und per Post an den Adressaten geschickt. Leidgeprüfte Autofahrer mögen sich nun fragen, warum ausgerechnet dieser Prozess priorisiert wird. Viele andere Prozesse würden über Automatisierung und Digitalisierung das Leben der Bürger erleichtern. Doch der „Business Case“ für die digitale Erfassung von Parksündern und die damit verbundene Einnahmequelle für gebeutelte Kommunen ist nun mal sehr attraktiv. Die Meldung schlug keine Negativwellen, auch weil sie neben dem Dieselfahrverbotsurteil für viele Autofahrer ein eher kleineres Problem darstellt. Als Showcase für die Digitalisierung von mobilen Workflows ist sie hingegen aus zwei Gründen interessant:

Das Land Hessen hat bereits 2004 digitalisiert, aber erst 2018 mobilisiert. Die Applikation  owi21 zur Bearbeitung von Verkehrsverstößen ist schon seit 2004 bei der hessischen Polizei im Einsatz. Owi21 erlaubt auch den Betroffenen, die Beweislage online einzusehen und das Geld direkt elektronisch zu überweisen. Dabei sind Paypal und Kreditkarte als Zahlungsmittel digital integriert.

Owi21

Quelle: HNA, 2018.

Es ist schon erstaunlich warum es bis heute gebraucht hat, das mobile Frontend einzubinden. Normalerweise ist es anders herum. Die mobile Anwendung ist sehr sichtbar für Benutzer und Vorgesetzte und ist oft mit wenig Aufwand erstellt. Die Integration in das Backend-System und in einen durchdachten digitalisierten Prozess ist die eigentliche Hürde. Diese wurde in Hessen bereits 2004 gelöst. Dann hat man sich 14 Jahre Zeit gelassen, um die Früchte in Bezug auf mobile Produktivität zu ernten. Dabei war Hessen trotzdem das erste Bundesland, das diese App betreibt.

Wer zuerst kommt mahlt zuerst – Hessen betreibt owi21 für sieben Bundesländer. Hessen hat diese App zwar spät auf den Markt gebracht, aber immer noch früher als andere Bundesländer. Daher darf sich Wiesbaden über eine weitere Einnahmequelle freuen. Andere Länder zahlen, um nicht weiter zurückzufallen, lieber eine Lizenzgebühr, als eine eigene App zu entwickeln. Inzwischen wird die App in sieben weiteren Bundesländern eingesetzt.

Die Monetarisierung von owi21 war sicherlich ein sehr geschickter Schachzug aus Wiesbaden. Es ist müßig zu diskutieren, warum ein Mobile Enterprise Scenario, das so klar auf der Hand liegt, so spät realisiert wurde. Die Tatsache, dass das mobile Frontend auf einen bereits bestehenden digitalisierten Prozess aufsetzt, macht die Sache einfach. Die Tatsache, dass Hessen jetzt auch als Betreiber dieser Anwendung Geld verdient, zeigt, dass relative Schnelligkeit bei Digitalisierung und vor allem bei Mobilisierung nach wie vor belohnt wird.

Dieses Beispiel wirft ein paar interessante Fragen auf: Welches ist der wichtigste Workflow in Ihrem Haus, der ein mobiles Frontend, eine durchgehende Digitalisierung und mehr Automatisierung verdient? Können Sie dafür eine Lösung bauen und Partner oder Konkurrenten damit zur Kasse bitten? Wenn es zu beiden Fragen klare Antworten gibt, dann zählt ab jetzt die Zeit von Start zu Finish.